Interview: Täglich mit dem Rad zur Arbeit

Wenn mein Freund Lars sich mit einer Sache beschäftigt, dann macht er das meistens sehr konsequent und vertiefend.

Seit 1,5 Jahren hat Lars jetzt das Radfahren, genauer: das Radfahren zur Arbeit, für sich entdeckt. Er pendelt jeden verdammten Werktag insgesamt ca. 33 36 Kilometer aus den Münchner Suburbs in die Innenstadt und zurück. Egal welches Wetter. Und er führt dabei akribisch eine Excel-Liste (die Schaubilder weiter unten beruhen darauf), macht Instagram-Photos und hat sich mittlerweile sehr gut ausgestattet.

Ich hab ihm dazu ein paar Fragen gestellt.

Hallo Lars. Stell dich doch mal kurz vor
Ich bin 44, wohne im Landkreis München in Neubiberg und arbeite im Zentrum von München, nahe der Theresienwiese.

Bis vor 1,5 Jahren bist du wie zur Arbeit gefahren?
Mit dem Fahrrad 4 km zur U-Bahn und von dort mit der U5 bis zur Theresienwiese. Einige Jahre davor 1 km zur S-Bahn Neubiberg und damit Richtung Zentrum. Irgendwann war mir aber die S-Bahn zu unzuverlässig, deswegen der Umstieg auf die U-Bahn-Variante.

Mit dem Auto bist Du nie gefahren?
Auto bin ich nie gefahren …

Hast Du überhaupt ein Auto?
Ich hab eins. Ich hab Familie und als echte Münchner Vorstädter haben wir natürlich auch ein Auto.

Und warum hast du vor 1,5 Jahren angefangen mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren?
Das hatte verschiedene Gründe. Ich hab zwei kleine Kinder, da bleibt wenig Zeit für Sport. Und da ist das die ideale Möglichkeit, den Pendelweg zum Sport zu machen und damit was für die Gesundheit zu tun. Außerdem hatte ich, v.a. im Winter, den Eindruck durch das U-Bahnfahren öfter Erkältungen zu bekommen. Und voll ist es morgens im ÖPNV zu den Stoßzeiten natürlich auch.

Wenn ich dagegen im Winter mit dem Rad fahre, werde ich, subjektiv gefühlt, weniger krank.

Aber ist es nicht total nervig und anstrengend bei Nässe und Kälte jeden Werktag um die 30 Kilometer zu radeln?
Das sind natürlich manchmal schon widrige Bedingungen. Letzten Winter gab es heftige Schneefälle und da ist der Räumdienst dann nicht hinterhergekommen. Da musste ich dann zwangsweise zwei Wochen wieder auf die U-Bahn umsteigen. Aber unter normalen Winterbedingungen fahre ich eigentlich immer. Ich hab mir dafür die entsprechende Ausrüstung und Kleidung zugelegt und damit geht das dann.

Du musst Dich also nicht extra überwinden und motivieren?
Nein. Meine Regel ist: Ich fahre immer mit dem Rad. Ohne Ausnahme. Eine Kollegin, die eine ähnliche Strecke mit dem Rad pendelt, hat mir gesagt: „Sobald du anfängst zu überlegen, ob die Bedingungen heute passen, ob es heute vielleicht noch regnet oder irgendwas anderes dagegen spricht, hast Du eigentlich schon verloren, weil Du immer eine Ausrede findet.“

Auch wenn es komisch klingt, aber einfach immer zu fahren, ist für mich die bequemere Variante. Es wird einfach ein Automatismus draus ohne großes Nachdenken.

Du hast schon Deine Ausrüstung erwähnt. Kannst Du ein bisschen beschreiben, wie die aussieht?
Ich hatte erst ein ganz normales Tourenfahrrad und inzwischen auch ein zweites mit einer hochwertigeren Schaltung. Das ältere ist jetzt vor allem mein Winterrad. Für den Winter habe ich auch einen extra Laufradsatz mit Spikereifen, damit der Radwechsel auf Spike- bzw. Normalreifen im Winter je nach Strassenbedingungen schneller geht. Damit ich gut gesehen werde, sind meine Räder mit Speichenreflektoren ausgestattet und auf dem Gepäckträger sind wasserdichte Packtaschen angebracht. Thema Kleidung: Regenhose, Regenjacke, Radlerhose, leichte Windstopperjacke, dicke Softshelljacke und lange Merinounterhose für den Winter, abzippbare Windstopperhose, atmungsaktive Trikots, wasserdichte Fingerhandschuhe, Fäustlinge und super sind auch diese Schlauchschals („Buffs“) aus verschiedenen Materialien. Unter dem Helm, der ist Pflicht, bei starker Kälte eine Unterhelmmütze und bei Bedarf oben drüber eine Regenhaube. Und weil ich Brillenträger bin, hab ich mir auch noch eine optische Fahrradbrille machen lassen.

Du kommst ja dann wahrscheinlich, sowohl im Sommer, als auch im Winter, oft ziemlich verschwitzt in der Arbeit an. Wie kommst du damit klar?
Ich hab zum Glück ein Einzelbüro und kann mich dort komplett umziehen. Alle Radlklamotten runter, komplett neues Bürooutfit rauf. Ich dusche nicht. Das geht gut. Ich stinke zum Glück nicht so sehr (lacht). Haben mir Kollegen auch schon auf Nachfrage bestätigt. Cowboydusche mit Deo reicht aus. Auf dem Rückweg zieh ich dann die Radlklamotten wieder an. Die sind zwar nicht mehr ganz frisch, aber das macht ja dann nichts aus. Zuhause wird dann geduscht.

Und deine Arbeitskleidung ist dann immer in Deinem Büro oder transportierst du die in der Satteltasche hin und her?
Ich hab dort ein ganzes Set mit Hemden hängen, die dort auch gereinigt werden. Hin und her transportiere ich nur Socken, Unterwäsche und Hosen. Schuhe stehen auch im Büro.

Dann erzähl doch mal ein bisschen aus Deiner Pendlerpraxis. Gibt es viele, die auch so weit pendeln wie Du? Oder bist Du eher eine Ausnahme?
Ich hab schon den Eindruck, dass die Zahl der Radpendler in den letzten 1,5 Jahren, seitdem ich das mache, zugenommen hat. Ich sehe an meinen beiden Stammstrecken, v.a. natürlich im Sommer, aber auch im Winter, immer wieder die gleichen Leute und habe auch das Gefühl, dass es immer mehr werden.

Ich weiß, dass Du auf Deiner Tour oft auch Podcasts hörst. Ist das nicht gefährlich mit Kopfhörern im Berufsverkehr?
Ich finde nicht. Erstens stelle ich die Lautstärke nicht sehr hoch und zweitens habe ich nur einen Kopfhörerstöpsel im rechten Ohr drin. Das klappt super, denn ich höre alles um mich herum und kann dennoch die Sendungen verfolgen. In kritischen Situationen geht die Konzentration automatisch auf den Verkehr, so dass man dann halt mal kurz nicht ganz bei der gehörten Sache ist.

Und wo siehst Du für Dich die größten Hindernisse und Probleme auf Deinem Weg zur Arbeit?
Grundsätzlich ist das Problem, dass zu wenig Platz für Fahrräder da ist. Es gibt viele Engstellen und Autos, die zu knapp überholen. Das nervt schon. Aber entgegen aller landläufigen Vorurteile, würde ich sagen, dass die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer, Auto- und Radfahrer, durchaus vernünftig unterwegs ist. Es gibt aber einfach ein Platzproblem und das führt zu Konflikten.

Gab es denn schon Situationen, in denen es gefährlich für Dich wurde? In denen Du knapp einem Unfall entgangen bist?
Ja, auf jeden Fall. Kurz vor der Theresienwiese hat mich mal ein rechtsabbiegender Lieferwagen ziemlich knapp geschnitten, weil er nicht damit gerechnet hat, dass ich geradeaus weiter fahre. Die ganze Rechtsabbiegerproblematik ist schon eine der Hauptgefahren für Radfahrer. Und wenn Radfahrer sich aufgrund unterschiedlicher Geschwindigkeiten überholen und dadurch stark in den Autoverkehr gleiten müssen, dann wird es auch gefährlich. Hier würden breitere Fahrradwege viel Gefahrenpotenzial entschärfen.

Fühlst Du dich grundsätzlich sicher im Münchner Stadtverkehr?
Also 100% sicher auf keinen Fall. Ich versuch sehr aufmerksam und eher passiv zu fahren. Das ist natürlich auch immer von der Tagesform abhängig. Und klar, ein mulmiges Gefühl fährt immer ein bisschen mit.

Du bist ja jetzt sehr motiviert und nimmst auch die Risiken in Kauf. Kannst du verstehen, wenn Radpendeln in München auf andere Leute zu unsicher oder unkomfortabel wirkt?
Verstehen kann ich das schon. Es geht eng zu auf der Straße und das Wetter ist natürlich ein Thema. Aber ich war am Anfang auch sehr skeptisch, ob das klappen kann. Aber wenn man dann mal anfängt, optimiert man auch ständig, findet neue, sichere Routen und lernt jeden Tag dazu. Ich würde jeden ermutigen, der mit dem Gedanken spielt, es einfach mal eine Woche auszuprobieren.

Was könnte man denn machen, damit Du Dich sicherer fühlst und das vielleicht auch noch mehr Leute auf das Fahrrad umsteigen?
Die Hauptstellschraube ist sicher, den Autoverkehr mehr vom Radverkehr zu entkoppeln, die Rot/Grünphasen unterschiedlich zu schalten und insgesamt dem Radverkehr mehr Platz einzuräumen. Das wird wahrscheinlich, bei dem begrenzten Platz in der Stadt, nur gehen, indem man dem Autoverkehr Fahrspuren wegnimmt. Ich setzte große Hoffnungen in die Bürgerinitiative Radentscheid, damit sich was bewegt.

Gibt es was, dass Dich so extrem nervt, dass es Dir manchmal den Spaß an der Fahrradpendelei verdirbt?
Außer den schon erwähnten Konflikten gibt es immer wieder Kleinigkeiten. Z.B. motorisierte Zweiradfahrer, die regelmäßig auf Fahrradwege ausweichen.

Und noch was nervt mich fast täglich, was mich aber sehr in meiner Fahrradpendelei bestärkt: Jeden Morgen stehe ich an einer Ampel an der Carl-Wery-Strasse, das ist die Hauptzufahrtsstraße der Vororte Unterhaching/Neubiberg/Ottobrunn nach München. Da sieht man jeden morgen Stoßstange an Stoßstange eine sich langsam voranquälende Autokolonne und in fast jedem Auto sitzt nur eine Person. Das ärgert mich immer wieder, dass wir als Gesellschaft das nicht besser hinkriegen. Fahrgemeinschaften scheinen völlig aus der Mode zu sein. Das gleiche Bild sehe ich dann später noch einmal wenn ich die A995 überquere.

Und was ist mit den oft zitierten „Radl-Rambos“? Gibt’s die? Werden die mehr?
Würd ich nicht sagen. Klar gibt’s sowas auch. In München wird z.B der Isarradweg gern mal rücksichtslos als Rennstrecke genutzt. Insgesamt ist das aber eine sehr kleine Minderheit. Was aber schon nervt, ist, dass viele Radfahrer auf klare Handzeichen verzichten. Da muss man oft raten, was die jetzt machen und das kann schon zu gefährlichen Situationen führen.

Und was ist das Positivste an Deiner täglichen Radtour?
Man ist jeden Tag an der frischen Luft und es ist einfach der beste Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag.

D.h. Du wirst so schnell auch nicht damit aufhören?
Auf keinen Fall. Das ist zu einer fundamentalen Säule meines Alltags geworden. Es ist sogar so: Wenn ich mal aus irgendwelchen Gründen nicht radeln kann, bedauere ich das und mir fehlt an dem Tag was.

Danke Dir für das Gespräch.

Die beiden Diagramme beziehen sich auf das Jahr 2018:


Quelle für die Stauzeit, Quelle für die ÖPNV Verspätung

Eine von Larsens Routen gibt es hier als GPX-File.

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