Autofrei

Mein spontaner Tweet zur morgendlichen Auslastung von Autos auf einer großen Einfahrtstraße Münchens hat ein paar Antworten provoziert. Ein Best-Of.

Vorweg: Meine Beobachtung bezog sich konkret auf die Großstadt München (und ist wahrscheinlich übertragbar auf andere Metropolen). Im ländlichen Raum ist die Lage sicher anders.

Und: Ich hasse Autos nicht. Einige meiner besten Freunde sind Autos Ich fahr sogar selbst Auto, seit ein paar Jahren aber kein eigenes mehr.

Gleichzeitig wohne ich aber auch in der Stadt. An einer vielbefahrenen Straße.

Wie ich es sehe, in aller Kürze: Das individuell, täglich genutzte Auto nimmt im Vergleich zu anderen Personentransportmitteln zu viel Platz im städtischen, öffentlichen Raum in Anspruch. Es ist eigentlich ziemlich ineffizient, wenn man möglichst viele Personen schnell von A nach B bringen will. Und hat noch ein paar Nachteile mehr.

Ich finde es gut, Autofahren in der Stadt weniger attraktiv, und ÖPNV/Rad/Fußwege im Gegenzug wesentlich attraktiver zu machen.

Meine Lösung sieht wie folgt aus:

Das sehen natürlich nicht alle so. Neben den vielen Zustimmungen und Herzchen gab es auch ein paar Gegenstimmen. Die besten hab ich mal zusammengetragen und kommentiert. Das ist natürlich null repräsentativ, aber ich denke, da sind schon viele Sachen drin, die auch in einer groß angelegten Forsa-Umfrage: „Auto vs. ÖPNV“ rauskommen könnten.

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Der ÖPNV ist zu laut, zu voll, man wird krank und bekommt Flöhe.

Damit kann ich, bis auf die Flöhe, als Anwohner einer vielbefahrenen Straße auch genau umgekehrt, gegen den Autoverkehr argumentieren. Und als Bonus gibt es das alles für mich auch noch den ganzen Tag und nicht nur zu den Pendelzeiten am Morgen und Abend.

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Mit dem eigenen Auto fahren ist viel günstiger, als mit dem ÖPNV

Die Rechnung stimmt in den meisten Fällen wahrscheinlich nur, wenn man lediglich die Benzinkosten berechnet. Dazu kommen aber eigentlich noch Versicherung, Parkgebühren, Steuer, Werkstattkosten und v.a. der Wertverlust. Man kann zwar sagen: „Ich habe das Auto ja sowieso, fahr ich halt auch damit.“ Die ganzen Kosten gehen davon aber faktisch ja nicht weg. Der ADAC bietet hier einen guten Kostenkalkulator für die tatsächlichen, durchschnittlichen monatlichen Autokosten. Die kann man sich ja anteilig z.B. auf den täglichen Pendelweg hochrechnen und dann mit einem Monatsticket vergleichen.

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Der ÖPNV ist unpünktlich und unzuverlässig.

Man sei ja schon bereit S-Bahn zu fahren. Aber erst wenn sie wirklich immer supersuperpünktlich ist.

Auf der einen Seite verliert ein Münchner S-Bahn-Pendler im Jahr handgemessene 16 Stunden Lebenszeit. Das nervt, keine Frage. Und natürlich kommt es in München immer wieder zu kompletten S-Bahn Ausfällen, Busse und U-Bahnen haben Verspätung. Das MVV-Pendlerleben ist kein leichtes.

Auf der anderen Seite ist München aber halt auch Autostau-Hauptstadt. 51 Stunden verschwenden Münchner jährlich im Auto. Eine ehrliche Rechnung müsste also die jährliche Zeitverschwendung durch verspätete und ausgefallene öffentliche Verkehrsmittel und die vertrödelte Zeit im Stau gegenrechnen.

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Der Autofahrer wird eh schon abgezockt. Parkgebühren sind z.B. Wegelagerei.

In München zahlt man für einen Parkausweis, der zum Parken im Wohnviertel berechtigt, 30 €. Das sind 2,50 € im Monat. Das ist noch günstiger als eine Einzelfahrt mit dem MVV. Und dafür wird ein öffentlicher Platz freigehalten, auf dem sonst mindestens 10-12 Fahrräder stehen könnten. Wenn man alle gesellschaftlichen Kosten dazurechnet, die direkt oder indirekt vom Auto verursacht werden, kommen Autofahrer momentan wahrscheinlich noch ziemlich günstig weg.

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Wenn keine Autos mehr in die Stadt fahren, stirbt der Einzelhandel

Konkrete Beispiele zeigen dass genau das Gegenteil der Fall ist. Einkaufsstraßen werden wieder attraktiver und es geht dem Einzelhandel besser. Die einleuchtendste Erklärung hab ich mal von einem Verkehrsforscher gehört (die Quelle finde ich leider nicht mehr). Sinngemäßg ging das so: „Auf einen Autoparkplatz passt nur ein Geldbeutel. Auf den gleich großen Fahrradparkplatz passen 10-12 Geldbeutel.“

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Das Auto „stirbt“

Ich glaube, die Formulierung erklärt ganz gut das irrationale Verhältnis vieler Menschen zu ihrem Auto. Es geht nicht kaputt, es stirbt.

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Du bist nur neidisch auf die Menschen mit den dicken Autos.

Das kann ich ausschließen.

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Aber die Fahrradfahrer halten sich nicht an Regeln!

Aber, aber … whatabout!?

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DU BIST KEIN VEGETARIER!

und kaufst nur Billigfleisch! „Edeka halt“.  ¯\_(ツ)_/¯

  • Will gar nicht gegen die Sache diskutieren, aber hab nur gerade aus Neugier den einzigen Neuwagen den der Haushalt jemals angeschafft hat in den ADAC-Rechner getan und war ein bisschen schockiert.

    Klar hab ich das jetzt nicht komplett durchgerechnet, aber ein monatlicher Wertverlust von 134 EUR bei 10000 EUR Kaufpreis find ich schon überzogen. Da ist ja nach 7.4 Jahren schon nix mehr übrig, also so richtig 0,0. Der Plan war eigentlich, das Auto schon 10 Jahre zu fahren, gerne mehr wenn es hält. Über die Werkstattkosten kann man streiten, das wären laut Tabelle 588 pro Jahr, also so 3000 in den ersten 5. Nein, weit gefehlt. Ein paar Hundert waren es, viel ging auf Garantie und Gewährleistung und eigentlich war halt auch nix in den ersten 5 Jahren.

    Also ja, ich stimme mit dem rest überein und vermutlich braucht auch in der Stadt nicht unbedingt jeder ein Auto, aber ich habe schon länger das Gefühl, dass es gewisse Nischen gibt (Kleinwagen, Gebrauchtwagen und Glück haben ohne Reparaturen) wo man halt mal locker gerade mal auf die Hälfte der Beispielrechnungen kommt. Auch als ich noch Werkstattrechnungen von alten Autos übers Jahr gerechnet habe.. Hatte ich 15 Jahre immer nur Glück mit meinen alten Gurken? Ich will nicht wahrhaben, dass ich mir das schönrechne… 🙂
    Und ja, wenn man von 1 Autofahrer + 1 Radfahrer ausgeht, ohne Monatskarten, dann sind das nochmal 100-130 EUR im Monat gespart.

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