Stimmungsschwankungen in der Weißenburger Straße

Am 23. Oktober fand in Haidhausen eine Informations- und Diskussionsveranstaltung zur geplanten Fußgängerzone in der Weißenburger Straße statt.

Vorab: Ich finde die Fußgängerzone eine gute Idee.

Die SZ berichtet über den Abend. Ich war auch dort. Und ich habe ein deutlich breiteres Stimmungsbild als der Autor des Artikels wahrgenommen.

Nach der Begrüßung durch den Bezirksausschussvorsitzenden Jörg Spengler und den Mobilitätsreferenten Georg Dunkel stellten erst mal die Fachleute vom Mobilitätsreferat die genauen Planungen für die Straße vor.

Anschließend gab es mehrere Fragerunden, zwischendurch wurden die Fragen direkt von den Experten beantwortet. Am Ende waren es knapp 25 Menschen, die eine konkrete Frage hatten, eine Meinung oder eine in eine Frage verpackte Meinung.

Die SZ zieht als Fazit aus den Wortbeiträgen:

Ganz anderer Meinung [als BA und Mobilitätsreferent] waren viele Anwesende bei der Infoveranstaltung. Sie klagten über den Wegfall von 60 Parkplätzen, den drohenden Ausweichverkehr in den Nachbarstraßen oder die mangelnde Bürgerbeteiligung.“

Die genannten Beispiele gab es und sie sind bei so einem Projekt erwartbar und auch verständlich, die Stimmung im Saal geben sie aber nur unvollständig wieder.

Viele Fragen hatten z.B. nur informativen Charakter, wie die Zufahrtsregelungen sind oder was Anwohner*innen mit privatem Stellplatz beachten müssen. Und einige Beiträge sprachen sich auch ganz konkret für das Projekt aus.

Was der SZ Artikel nicht erwähnt, ist, dass es v. a. bei solchen positiven Meldungen und nach den beiden eröffnenden Worten vom BA-Vorsitzenden und vom Mobilitätsreferenten für eine Verkehrswende und eine Umgestaltung des städtischen Raums erheblichen Beifall aus dem Publikum gab. Beifall, der in meiner Wahrnehmung deutlich lauter war als bei eher kritischen Beiträgen.

Dazu kommt, dass aus Zeitgründen verständlicherweise nicht alle der ca. 120 Anwesenden zu Wort kommen konnten und das natürlich auch nicht alle im Publikum mit gleichem Selbstbewusstsein vor 120 Menschen sprechen möchten. Dafür wurde eine Mailadresse eingerichtet, an die auch nach der Veranstaltung noch Feedback und Fragen gerichtet werden können.

Um die echte Stimmung im Raum wiederzugeben, müsste man also dieses Feedback abwarten oder an dem Abend zumindest einzelne Gespräche mit Anwesenden führen, die vielleicht nichts gesagt, bei positiven Beiträgen aber besonders laut applaudiert haben. In dem Artikel sind solche Stimmen leider nicht zu finden.

Am allereinfachsten für eine Einschätzung der Stimmungslage wäre es aber gewesen, die Umfrage am Ende des Abends richtig zu interpretieren. Die Anwesenden konnten direkt vor Ort an einer Slido-Umfrage teilnehmen. Die Frage lautete, ob man nach diesem Info-Abend der Fußgängerzone offener gegenüber eingestellt ist.

Als ich gegen 21:45 den Raum verlassen habe, hatten nach meiner Erinnerung ungefähr 100 Personen teilgenommen, 75% waren der Fußgängerzone positiv gesonnen (SPD-Stadträtin Anne Hübner und die Abendzeitung erinnern sich ähnlich). Die Umfrage wurde noch bewusst nach Veranstaltungsende offen gelassen, damit auch Teilnehmer ohne Handy1 nachträglich abstimmen konnten. Es war aber ganz klar kommuniziert, dass die Umfrage dazu dient, von den 120 Anwesenden ein Stimmungsbild einzuholen.

Zwei Stunden später sah die Slido Umfrage dann so aus.

Knapp 500 Stimmen waren jetzt abgegeben, die Balken einmal umgedreht und in der gedruckten2 SZ vom 25. Oktober 2023 steht jetzt, dass bei einer Online-Umfrage mit knapp 500 „Personen“ mehrheitlich eher Skepsis gegenüber einer Fußgängerzone geäußert wurde.

Bei einer Umfrage, die für die ca. 120 Anwesenden bestimmt war, werden also 500 Stimmen abgegeben, mit einem Tool, das genau für solche schnellen Vor-Ort-Umfragen für ein ad-hoc-Meinungsbild gedacht ist und das kaum Hürden für Mehrfachabstimmungen eingebaut hat. Und das wird als Fakt für eine angeblich negative Stimmung ans Artikelende gestellt ohne das einzuordnen.

Das es besser geht, zeigt die differenziertere Berichterstattung in der Abendzeitung und im Münchner Merkur (den Artikel hab ich bis jetzt noch nicht online gefunden).

Es geht mir nicht darum, vorhandene Kritik an der Maßnahme kleinzureden. Das die bei so einem Projekt kommt, ist klar und es muss natürlich diskutiert und gestritten werden.

Aber man hat bei dem Versuch in der Kolumbusstraße gesehen, dass am Anfang diejenigen, die kritisch eingestellt, aber vielleicht gar nicht so viele sind, sehr schnell sehr laut werden und dadurch eine mediale Plattform bekommen. In einer ausgeglichenen Berichterstattung wäre es wünschenswert, auch andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Die sind am Anfang oft leiser und deshalb schwerer zu finden. Aber es gibt sie. Und an diesem Abend waren viele von ihnen im Raum. Man hätte nur gut genug hinhören müssen.

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Am 23. November gibt es einen weiteren – digitalen – Infoabend. Alle Infos dazu und zum Projekt findet ihr hier.

  1. einer davon war ich. Mir ist klar, dass das das Unglaubwürdigste an dem Blogpost ist, aber es ist die Wahrheit. Ich werde vergesslich. Deshalb auch kein Foto von dem Umfragergebnis. ↩︎
  2. Online ist der Artikel am Ende mittlerweile massiv in den letzten zwei Absätzen korrigiert. Wobei nicht klar wird, was genau korrigiert wurde und was im Original stand. Der Satz „Hinweis der Redaktion: Wir haben weitere Informationen zur Problematik der Online-Umfrage ergänzt.“ klingt eher so, als hätte man Inhalt zum gedruckten Original ergänzt. Das ein kompletter Absatz, der das Ergebnis des Abends schlichtweg falsch wiedergegeben hat, entfernt hat, wird nicht klar. ↩︎

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