Ein digitaler öffentlicher Raum für alle

Sascha Lobo hat mit einem Toot mitgeteilt, warum er glaubt, dass Mastodon nicht Twitters Platz einnehmen wird.

Ein soziales Netzwerk soll nur funktionieren, wenn man darauf Geld verdienen kann, wenn es global ist und wenn schnell neue Features entwickelt werden.

Ich finde das eine sehr enge Sichtweise. Schließlich pflegen wir im „echten“ Leben ja zahlreiche soziale Netzwerke, in denen wir nichts verdienen, die sehr lokal sind und in denen sich in den letzten 20 Jahren echt wenig entwickelt hat (Hallo, mein Stammtisch!). Ich glaube, Mastodon bietet gerade eine Chance, digitale soziale Netzwerke neu zu denken. Öffentlicher Raum aus der echten Welt findet dabei sein Abbild im Digitalen.

Ein Vorschlag

Wir haben in unseren Städten und Gemeinden an vielen Stellen öffentliche Plätze, an denen Menschen aufeinandertreffen, miteinander ins Gespräch kommen, sich kennenlernen und auch sich aushalten müssen. Auf Spielplätzen, im Sportverein, in den Schulen, in Parks, in Schwimmbädern oder in öffentlichen Bibliotheken. Alles ohne den Zwang, Geld verdienen zu müssen, ohne Konsumzwang, ohne Werbeeinblendungen.

Mit Mastodon könnte man genau das nachbauen. Eine Kommune oder eine öffentliche Einrichtung kann allen Bürger*innen eine Instanz zur Verfügung stellen. Das hätte Vorteile.

Zuverlässigkeit

Wenn die Instanz von einer Institution betrieben wird, können die Nutzer*innen sicher sein, dass sie längerfristig zur Verfügung steht. So wie man im echten Raum sicher sein kann, dass jemand den Spielplatz pflegt, kann man bei der öffentlichen Mastodon-Instanz sicher sein, dass sie jemand updated und sich um die Moderation kümmert.

Regeln

Wie bei einer Bürger*innenversammlungen oder im Sportverein gibt es auch auf der öffentlichen Mastodon-Instanz klare Regeln für das gemeinsame Miteinander. Diese Regeln sorgen dafür, dass sich jeder sicher fühlt und gleichberechtigt teilhaben kann. Es ist klar geregelt, wer diese Regeln durchsetzt. Wer im Lesesaal einer Bibliothek den Tag verbringt, hält sich auch an die Hausregeln. Falls nicht, bekommt er es mit einer Bibliothekarin zu tun und das ist im Ernstfall kein Spaß! (bin mit einer verheiratet)

Konsum- und kommerzfrei

In einer öffentlichen Bibliothek oder in Schulen darf niemand Werbung machen, es gibt keinen Konsumzwang – genau so ist es auch auf der öffentlichen Mastodon-Instanz. Keine Werbung, keine kommerziellen Angebote. Das steht dann so in den Hausregeln (s.o.). Mastodon verzichtet auch bewusst auf die aufregungsgetriebenen Mechanismen der kommerziellen sozialen Netzwerke, die diejenigen belohnen, die am lautesten und krassesten rumschreien. Leisere Stimmen werden auf Mastodon eher wahrgenommen, als auf Twitter.

Digitale Teilhabe

Öffentliche Institutionen können gezielt alle Bürger*innen mit Mastodon vertraut machen und zur Nutzung animieren. Bibliotheken bieten heute schon Schulungen zu digitalen Tools für alle Altersgruppen an. Mastodon könnte als öffentliches Kommunikationsinstrument und Serviceinstrument genutzt werden. Die Staatsbibliothek zu Berlin betreibt seit 2019 eine eigene Mastodon-Instanz. Ralf Stockmann erklärt in diesem kurzen Vortrag (ab ca. 13:28) auf dem Bibliothekartag, warum es eine gute Idee ist, dass öffentliche Einrichtungen strategische Partner von Open-Source-Projekten werden, damit allen Bürger*innen Zugriff auf nicht-kommerzielle, digitale Tools gewährleisten und dadurch digitale Mündigkeit und Teilhabe fördern. Die Staatsbibliothek betreibt seit 2019 eine eigene Mastodon-Instanz.

Raus aus der Filterblase

Im besten Fall spiegelt so eine öffentliche Instanz genau die soziale Vielfalt wieder, wie man sie auch im echten öffentlichen Raum antrifft. So wie im Sommer z.B. im Freibad. Das filterblasigste ist dann die lokale Begrenzung auf einen Ort.

Lokal und weltweit

Das Gute an Mastodon: man hat eine eingeschränkte lokale Timeline. In unserem Beispiel also die eigene Stadt, das eigene Viertel. Da sieht man, was gerade für Themen diskutiert werden. Gleichzeitig hat man jederzeit die Möglichkeit, sich auch mit der restlichen Welt zu verknüpfen und Accounts auf anderen Instanzen zu folgen.

Ja, aber …

… Mastodon ist viel zu nerdig.
Ja, stimmt. Gerade noch. Das muss nicht so bleiben. Und irgendwann muss man ja mal anfangen.

… das ist jetzt aber nicht wie Twitter.
Mastodon ist auch kein Twitter-Ersatz. Der getootete Ausgangsgedanke, dass es Twitters Platz einnehmen muss ist wahrscheinlich schon falsch. Es sieht so ähnlich aus, hat ein paar ähnliche Funktionen. Aber es ist halt auch an vielen Stellen anders. Globale, kommerziellere Netzwerke wird es auch weiter geben. Aber es wäre toll, wenn man eine echte Alternative hätte. So wie man im echten Leben ins Restaurant gehen kann oder sich halt einfach mit der Picknickdecke und selbst mitgebrachtem Essen in den Park setzt. Kann beides schön sein.

… Ich hab die Lage der Nation zur Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung gehört. Das klappt niemals.
Ja, hab ich auch gehört. Aber irgendwann muss man ja mal anfangen. Und einen Mastodon-Server zu betreiben ist vielleicht auch nicht ganz so aufwendig, wie der bundesweite E-Perso.

… das ist doch eh nur was für alte Menschen.
Jo. Meinen Kindern ist Twitter z.B. komplett egal. Aber ich will ihnen zumindest mal gezeigt haben, dass es auch digitale Räume abseits von TikTok, Snapchat oder Twitch gibt. Abseits von kommerzieller und aufmerksamkeitsgetriebener Nutzung. Genauso wie sie in der echten Welt wissen, dass man zum Lernen oder Abhängen auch einfach in die nächste Stadtbibliothek geht und nicht ins Kaffee gehen muss, wo man 5€ für den Kaffee bezahlt.
Außerdem ist Mastodon ja nur ein Teil des Fediverse. Dort können, basierend auf einem gemeinsamen Protokoll, beliebig viele Dienste und Tools entstehen, die unterschiedlichste Zielgruppen ansprechen. Es gibt z.B. schon ein Fediverse-Youtube oder ein Fediverse-Instagram.

… da haben wir doch schon mal 2008 oder so bei der re:publica davon geträumt. Das klappt doch nicht.
Ja, blöd genug, dass wir es bisher nicht anders hinbekommen haben. Aber irgendwann muss man ja mal anfangen.

… Sascha Lobo hat doch gesagt, …
… dass man sich gefälligst seine digitalen Daten von den Konzern-Silos zurückholen und ein mündiger Digital-Bürger werden soll. 2013 war das. Da hat er zusammen mit Felix Schwenzel das Projekt Reclaim Social Media bei der re:publica vorgestellt. Ein Tool, mit dem man die eigenen Social-Media-Inhalte zurück ins eigene Blog holen konnte. Das Projekt ist wegen mangelnder Beteiligung und zu hoher Nerdigkeit leider schnell wieder eingeschlafen (meine reclaim-Instanz schlummert hier vor sich hin). Aber da war ein Ansatz, ein Gedanke, sich unabhängiger von den kommerziellen Interessen der Digitalkonzerne zu machen. Digital mündiger zu sein. Der Gedanke gefällt mir heute immer noch und ich glaube, mit Mastodon und dem Fediverse kann man dem Ziel ein gutes Stück näher kommen. Irgendwann muss man ja mal anfangen.

Teaserbild: Wikipedia


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  • MajaBentele

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