Familie

Kontakte mit Risiko

Wenn die Gesundheitsämter nicht mehr nachkommen, kommt es auf Eigenverantwortung an.

Was zu tun ist, wenn man positiv auf Corona getestet wurde, ist eindeutig. Die Stadt München hat dazu gut verständliche Informationen veröffentlicht. Kurzfassung: 10 Tage ab Testergebnis Auftreten der ersten Symptome zu Hause bleiben.

Genauso eindeutig ist es, wenn man engen Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte. Dazu hat die Stadt München auch Informationen. Kurzfassung: ab dem Tag des letzten engen Kontaktes 14 Tage zu Hause bleiben.

Im besten Fall bekommt das Gesundheitsamt von der infizierten Person eine Liste mit allen Kontakten der letzten zwei Wochen und telefoniert die dann zügig ab, stuft ein, ob sie ein „enger Kontakt“ (KP 1 – Kontaktperson 1) waren und verhängt die Quarantäne. In der Realität kommen die Gesundheitsämter aber an Ihre Grenzen. Schnelle Kontaktverfolgung wird immer schwieriger. In dem mir bekannten, aktuellen Fall ist das Amt ungefähr 1,5 Wochen hinterher.

Ich hatte in den letzten zwei Wochen zwei konkrete Fälle von KP 1 und will mal aufschreiben, wie das in der Praxis läuft, weil ich glaube, dass der geschilderte Fall so bei vielen schon aufgetreten ist oder in den nächsten Monaten noch auftreten wird.

Alles, was ich schreibe beruht auf zwei Telefonaten mit der Corona-Hotline der Stadt München (089 233-96333) und der bayrischen Staatsregierung (089-122220), Internet-Recherche und persönlicher Erfahrung. Falls ich also irgendwo Quatsch schreibe oder Ihr was ergänzen könnt, anders erlebt habt – schreibt’s in die Kommentare.

Es fängt so an:

Euer Freund Peter schreibt in Eure Chat-Gruppe mit dem peinlichen Namen.

Jetzt müsst Ihr rekonstruieren, wann, wo und v.a. wie Ihr Euch getroffen habt. Wie lange war Euer Kontakt? Was habt ihr gemacht? Draußen oder Drinnen? Habt ihr Masken getragen? Wie nah wart Ihr Euch? Wer war noch dabei? Alles Fragen, die das Gesundheitsamt stellen würde. Das Gesundheitsamt ist aber überlastet und meldet sich vielleicht in ein paar Tagen mal. Also müsst Ihr selbst versuchen herauszufinden, ob ihr einen Risikokontakt hattet, also eine KP 1 seid.

Eine KP 1 definiert sich so (hat mir die Corona-Hotline erklärt und erklärt die Stadt München hier noch ausführlicher):

  1. Länger als eine Stunde in einem Raum mit der infizierten Person (mit oder ohne Maske). Klassiker: Geschäftliches Meeting, Bon Jovi-Konzert …
  2. Länger als 15 Minuten nahen Kontakt zu der infizierten Person (ohne Maske, draußen oder drinnen). Typische Küchentischgesprächssituation zum Beispiel. Oder Sex. (Witze über die 15 Minuten und die Maske in diesem Kontext ab in die Kommentare.)

Bei beiden Vorfällen in den letzten Wochen hab ich gelernt, wie unterschiedlich sich Menschen an ein bestimmtes Ereignis erinnern. Wie ein Treffen stattgefunden hat und auch wann es stattgefunden hat.

Saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer bei Bier und Keksen? Waren die Kinder die ganze Zeit im Nebenzimmer? Oder doch auch länger bei uns? Wann war noch mal das ad-hoc-Treffen mit den zwei Kolleg*innen aus der anderen Abteilung? Wie lange dauerte das?

Schon nach einer guten Woche gab es da Erinnerungslücken und unterschiedlichste Einschätzungen. Kennt man ja auch aus jedem Kommissar Kugelblitz. Zwei Zeugen, drei Tathergänge. Nur menschlich.

Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, im beruflichen Umfeld alle Vor-Ort-Termine in den Kalender einzutragen. Auch nachträglich, wenn man sich z.B. spontan auf Zuruf getroffen hat. Oder Büroanwesenheitslisten wirklich sorgfältig zu pflegen. Im privaten Umfeld ist es auf jeden Fall sinnvoll ein regelmäßiges Kontakttagebuch (iOS // Android // oder einfach ein Blatt Papier, ihr Opis!) zu führen und den Familienkalender ordentlich zu pflegen.

Nach ein bisschen Hin-und-her-Schreiben seid Ihr Euch dann mit allen Beteiligten einig, dass Ihr eine Risikobegegnung hattet („Willst Du noch mit hochkommen auf eine kleine Risikobegegnung?!“).

Das Gesundheitsamt wird wahrscheinlich auch irgendwann zu der Einschätzung kommen. Aber dann ist Eure Quarantäne-Zeit sowieso schon abgelaufen. Ihr müsst also eigenverantwortlich entscheiden, ob Ihr ab jetzt die Vorgaben für eine KP 1 befolgt oder so tut als wär nichts und auf den Anruf vom Amt wartet.

Wir haben in beiden Fällen entschieden, dass das jeweils betroffene Familienmitglied die Quarantäne macht. In einem Fall waren es sowieso nur noch zwei Tage, im zweiten Fall allerdings eine ganze Woche (die gerade noch läuft). Eine ganze Woche, die man dann daheim bleiben muss, sich eigentlich sogar räumlich von den anderen Familienmitgliedern trennen sollte. Als Familie schwer umzusetzen.

Gleichzeitig haben wir natürlich auch einen Corona-Test angeleiert. Zum Glück negativ (Ergebnis könnt ihr euch über den QR-Code im Headerbild anschauen). Aber selbst mit einem negativen Test muss eine KP 1 die volle Quarantäne absitzen. Was das für Schüler*innen bedeutet, schreib ich hier auf.

P.S. Diese ganze Einschätzung, ob es ein Risikokontakt war, macht im Prinzip auch die Corona-Warn-App. Eine meiner Risikobegegnungs-Erfahrungen hat eindrucksvoll bewiesen, dass die App funktioniert. Einen Tag nach Eingabe des positiven Testergebnisses war eine rote Warnmeldung auf dem Handy einer anderen beteiligten Person. Johnny hat mit seiner Familie ähnliche Erfahrungen gemacht. Sein Sohn (keine Symptome) blieb dank Corona-Warn-App zu Hause und hat keine weiteren Personen angesteckt.

Installiert Euch die App! Im dümmsten Fall habt Ihr ein weiteres inaktives App-Icon, in allen anderen Fällen schützt Ihr andere Menschen vor einer Infektion!

30 Kommentare zu “Kontakte mit Risiko

  1. Danke, dass du das teilst. Ich finde es eine Schande, dass nach 8 Monaten Pandemie die Schulen noch immer nicht weiter sind. Wobei ich hier ausdrücklich die Verantwortung bei den Kultusministerien sehe.


Reaktionen auf Social-Media

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  3. Kofelheini hat diesen Artikel auf twitter.com erwähnt.

  4. Sehr schöne Zusammenfassung!

  5. Daniel hat diesen Artikel auf twitter.com geliked.

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