Digitalpakt und Alltag

Ein kleiner Alltagsdialog mit meinem Sohn ist irgendwie in die Timeline einiger Lehrer geraten und hat mittlerweile fast 1000 Herzchen bekommen.

In den Replies und Retweets berichten zahlreiche Lehrer, dass das Digitalalltag an ihren Schulen ist. Ein Zustand mit dem sich die meisten anscheinend irgendwie arrangiert und resigniert abgefunden haben.

Ob das konkret bei der Schule meines Sohnes wirklich immer so ist, kann ich gar nicht beurteilen. Es war sein erster Kontakt mit dem Computerraum. Aus meiner Elternbeiratserfahrung an einer anderen Schule nehme ich das so wahr:

LehrerInnen werden mit dem Digital-Thema ziemlich allein gelassen. Es hängt am individuellen Engagement, ob man da was macht im Unterricht. Oft dann sogar noch mit der eigenen, privaten Hardware.

Es gibt zwar mittlerweile Vorgaben von den Kultusministerien an jeder Schule ein unterrichtsübergreifendes Konzept für die Integration von digitalen Medien zu erarbeiten (z.B. Bayern). Aber auch da ist die LehreInnenschaft sehr auf sich alleine gestellt, es hängt viel von der individuellen Motivation, bzw. Zeit ab. Und am Ende des Konzepts ist dann noch lange nicht klar, wie das in der Praxis mit den verfügbaren Möglichkeiten umgesetzt werden kann und wer sich um die Ressourcen kümmert. Mit dem EDV-Support scheint es nämlich auch eher mühsam zu sein und ohne Eigenengagement seitens der LehrerInnen geht auch da wenig und nur langsam voran.

Es wirkt so, als müssten die LehrerInnen das Thema noch zusätzlich zu ihrer normalen pädagogischen Arbeit, mit der sie sowieso schon gut ausgelastet sind, abarbeiten. Als wäre das was, was man noch schnell nebenher stemmen kann.

Aktuell wird ja an einem DigitalPakt Schule gearbeitet. Wenn man sich den hier so durchliest, beschleicht einen das Gefühl, dass da primär auch erst mal nur Geld für Hardware und Infrastruktur in die Schulen gepumpt wird. Wer sich dann später darum kümmert? Wird es an jeder Schule eigene Stellen nur für die Betreuung der Infrastruktur geben? Wie werden die unterrichteten LehrerInnen darauf vorbereitet? Wie werden die LehrerInnen in der Ausbildung darauf vorbereitet? Dazu findet man eher wenig.

Und am Ende stehen vielleicht wieder irgendwo ein paar Rechner rum, die eine halbe Stunde zum booten brauchen. Nur halt neuere Geräte und an ein schnelleres Netz angeschlossen.

Das sind alles nur sehr subjektive Wahrnehmungen aus meinem direkten Umfeld und ich freue mich über LehrerInnen, die mir in den Kommentaren schreiben, dass alles gar nicht so schlimm und auf einem guten Weg ist.

Update: Ein SZ-Artikel, der das Geschilderte schon 2017 bestätigt. (via @kaltmamsell

  • Meine Frau ist Lehrerin an einer Grundschule und es ist leider alles genau so schlimm wie du schreibst. Wenn man Glück hat dann gibt es neue Geräte, aber natürlich niemand der sich darum kümmert oder das überhaupt kann. Eine Lehrerin macht “den Computerkram” so nebenher mit um bekommt dafür ACHTUNG 450 EUR pro Schuljahr! Hat aber auch nur Grundwissen und kann Druckerpatronen wechseln oder Antiviren Software installieren. Alles ander übernehme dann netterweise ich oder einer der Eltern, wenn es da jemanden gibt. Es fehlt an Ausbildung und an Ansprechpartnern. Es fehlt der digitale Hausmeister. Aber… die Schule hat ja ein Budge um jemanden einzustellen, dass ich nicht lache! Und wenn dann mal die Birne vom SmartBoard kaputt ist dann gibt es auch schon 8 Wochen später einen Ersatz.

  • Digitalisierung an der Schule – läuft bei uns – fast… Mittlerweile haben wir in fast allen Unterrichtsräumen ActivBoards mit Rechner und Internetzugang!
    Sogar das Netzwerk stimmt einigermaßen. Wir können unsere Dateien auf einem zentralen Server ablegen und haben von jedem Raum Zugriff drauf. Nur nicht aus der Lehrerbibliothek, in der die Computerarbeitsplätze für uns stehen… Das ist ein anderes Netzwerk, damit die Schüler keinen Zugriff auf interne Daten haben. Das Passwort für die Boards in den Klassenräumen kennen die Schüler nämlich besser als so mancher Kollege. Betreut werden die Boards und Rechner und… von einem sehr engagierten Kollegen (ohne Mehrarbeitsvergütung, mit 2 Entlastungsstunden), der am Rande des Wahnsinns agiert. Eine Fernwartung gibt es zumindest im Verwaltungsbereich auch.
    Werden die die Boards im Unterricht genutzt? Nun ja – wenn man den Schülern glauben darf – als Tafel und zum Filme gucken. Die Mehrheit der Kollegen weiß mit den ganzen wirklich tollen Funktionen nichts anzufangen oder hat keine Zeit/ keine Lust sich damit zu befassen. Manchmal denke ich, man müsste die Kollegen zwingen, sich damit zu befassen. Aber wie soll das gehen, wenn sich so mancher Kollege nach 25 Jahren Dienstzeit noch erklären lassen muss, wie man eine doppelseitige Kopie auf dem stinknormalen Kopierer anfertigt?
    Ich nutze die Boards im naturwissenschaftlichen Unterricht intensiv und ernte viel Lob von den Schülern á la „Uiiii, Frau Löckchen nutzt das Ding wenigsten sinnvoll und kann das!“ Nach einer Schulung habe ich mir den Rest selbst beigebracht. Aber ich mag solche Tüfteleien halt auch.
    Aber auch beim sinnvollen Nutzen gerate ich schnell an meine Grenzen. Denn wenn ich eine digitale Hausaufgabe aufgebe, höre ich von mindestens 50% der Schüler: „Ich darf zuhause nicht an den Rechner. Ich habe dieses/jenes Programm nicht. Ich habe keine E-Mail-Adresse/ darf mir keine zulegen/ habe sie vergessen/…tbc. Mein Stick war kaputt, mein Computer streikt… Da macht auch digitales Arbeiten dann keinen Spaß.
    Unser Computerraum funktioniert tatsächlich seit ca. 1 Jahr! Vorher war es aber wie oben beschrieben: Doppelstunde geplant: Rechner hochfahren, von 14 Computern laufen nur 10, davon haben nur 4 Internet… Wir sind aber 30 Schüler…

    • Danke Dir für den ausführlichen Kommentar. Bestätigt, dass die Infrastruktur nur eine (nötige) Basis ist, die aber wenig bringt, wenn es keine ganzheitlichen Konzepte gibt, die alle Lehrer mitnimmt und integriert.

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